Wissenswertes zur Vergangenheit

750 Jahre Berg im Drautal                                                                                              von Wilhelm Wadl

Ortsjubiläen sind in ihrer Sinnhaftigkeit und Berechtigung stets zu hinterfragen. In der Regel handelt es sich dabei ja nicht um konkrete Gründungsdaten, sondern um Zufälle urkundlicher Überlieferung. Sehr oft ist die urkundliche Erstnennung auch eine sehr beiläufige, so dass aus dem betreffenden Dokument kaum nennenswerte Aussagen über den betreffenden Ort gewonnen werden können. Im Falle von Berg im Drautal ist dies wesentlich anders, denn das Dokument, in dem Kirchdorf Berg erstmals für das Jahr 1267 bezeugt ist, enthält eine ungeheure Fülle an Informationen über den Ort, seine Bewohner und ihren Lebensalltag vor 750 Jahren.

Das Greifenburger Urbar von 1267
Das Originaldokument, in dem Berg im Drautal erstmals genannt wird, ist ein 10 cm schmaler und 160 cm langer Pergamentstreifen, auf dem in lateinischer Sprache alle Anwesen verzeichnet sind, die damals der Herrschaft Greifenburg unterstanden. Ortschaft für Ortschaft werden die Bewirtschafter namentlich angeführt, vor allem aber die Abgaben in Form von Geld und Naturalien, die sie jährlich an ihre Grundherrschaft entrichten mussten. Der Textcharakter einer solchen hochmittelalterlichen Urbaraufzeichnung soll nachfolgend am Beispiel des ersten Bauernhofes, der unter der Ortsbezeichnung „in Perige“ (= in Berg) im Urbar aufscheint, illustriert werden.

Bolechnet braz. ur. XII, hum. met. XII, den. XII, panes XII, scapul. II, ovem I, tri. mod. I, sil. met. VIIII, mil. met. VIIII, avene mod. I.
Übersetzung: Bolechnet zinst 12 Urnen Braugerste, 12 Metzen Hopfen, 12 Pfennige, 12 Brote, 2 Schultern, 1 Schaf, 1 Modius Weizen, 9 Metzen Roggen, 9 Metzen Hirse und 1 Modius Hafer.

August Jaksch hat sich schon 1902 mit den höchst bemerkenswerten Entstehungsumständen des Textes beschäftigt. Herzog Ulrich von Kärnten und sein Bruder Philipp führten einen langjährigen Streit um die Aufteilung des Erbvermögens ihres 1256 verstorbenen Vaters Bernhard. Am 2. Jänner 1267 wurde die Vorgangsweise bei der Erbteilung endlich vertraglich geregelt. Jeder der beiden Brüder bestellte 9 Schiedsrichter. Diese 18köpfige Kommission sollte das gesamte Vermögen zwischen dem 6. Jänner 1267 und dem 6. Jänner 1268 genau erfassen und anschließend eine gerechte Erbteilung aushandeln.
Die Herrschaft Greifenburg war der einzige größere herzogliche Besitz in Oberkärnten. Vermutlich im Frühjahr 1267 bereiste die Kommission das Obere Drautal. Alle Besitzungen, die der Herrschaft Greifenburg unterstanden, wurden genau erfasst. Aus dem unmittelbaren Herrschaftsbesitz ausgeschieden und getrennt verzeichnet wurden alle Güter, die der Kirche in Berg gehörten.
Zu der von Philipp geforderten Erbteilung kam es aber letztlich doch nicht, denn Herzog Ulrich überschrieb in einem Geheimvertrag am 4. Dezember 1268 seinen gesamten Besitz an König Ottokar von Böhmen. Als Ulrich daher am 27. Oktober 1269 in Cividale in Friaul starb, ging sein Bruder Philipp leer aus.
Die Aufzeichnungen über den herzoglichen Besitz blieben in Cividale liegen und wurden von August Jaksch – eingebunden in eine Handschrift des dortigen Domkapitels – aufgefunden.

Die Orts- und Personennamen
Vor 750 Jahren wurden die meisten bäuerlichen Untertanen seitens der Herrschaft bei der Aufzeichnung des Urbars nur mit ihren Vornamen genannt. Allein in Berg werden daher drei Bauern namens „Chunradus“ (= Konrad) angeführt und zwei, die unmittelbar nacheinander den Namen „Engelbertus“ führen. Daher verwundert es nicht, dass man zur Präzisierung bei einzelnen Untertanen ihre Funktion im Rahmen der Grundherrschaft (preco = Gerichtsdiener, villicus = Meier) beifügte. Die Keuschler werden vereinzelt auch schon nach ihren ausgeübten Berufen bezeichnet. So gibt es 1267 in Berg einen „Pintarius“ (= Fassbinder).
Der Großteil der Ortsnamen im Greifenburger Urbar von 1267 ist slawischen Ursprungs, vereinzelt weisen auch slawische Personennamen darauf hin, dass sich unter den Siedlern in der Zeit der Rodung und des Siedlungsausbaues zahlreiche Slawen befanden. Der zuerst angeführte Besitzer eines größeren Anwesens im Pfarrdorf Berg führt 1267 den slawischen Personenamen „Bolechnet“. Die Ortschaft „Dobreulah“, deren Bewohner auch der Herrschaft Greifenburg unterstanden, ist das heutige Frallach („Leute, die bei einem Eichenwald wohnen“). Ein Teil der Ortschaft (das heutige Unterfrallach) wird im Urbar jedoch unter der Bezeichnung „Aychholtz“ zusammengefasst, also dem deutschsprachigen Übersetzungsnamen von Frallach.

Die Abgaben an den Grundherrn
Berg ist im Jahr 1267 schon ein voll entwickeltes Dorf mit Kirche, Pfarrhof, einem Wirtshaus („taberna“), einer gewerblichen Mühle, 9 Bauernhöfen und 3 Keuschen. Letztere zinsten nur Geld an die Grundherrschaft; bei den Bauernhöfen sind die Naturalabgaben noch weit wichtiger als der kleine Geldzins (6 bis 12 Pfennige jährlich). Alle Höfe müssen Weizen, Roggen, Hirse, Hafer, Braugerste und Hopfen abliefern, dazu 1 Schaf, 2 Schweinsschultern und Brote.
Die Menge und genaue Zusammensetzung der Abgaben ist schon 1267 von Hof zu Hof stark unterschiedlich und hing ab von der Größe und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der einzelnen Anwesen. Eine genaue mengenmäßige Umrechnung in heutige Maße scheitert daran, dass wir nicht wissen, welches Volumen eine Urne, ein Metzen bzw. ein Modius im 13. Jahrhundert bei der Herrschaft Greifenburg aufwiesen. Jedenfalls war aber der Modius das größte Getreidemaß und die „Urnen“ (wohl größere Tonkrüge) das kleinste Maß. Neben den Abgaben an die Grundherrschaft mussten alle Bauern noch zusätzlich den Zehent (ein Zehntel der Ernte) als kirchliche Abgabe entrichten.

Die klimatischen Verhältnisse vor 750 Jahren
Der umfangreiche Hopfen- und Hirseanbau zeigt, dass das 13. Jahrhundert noch durch ein sehr warmes Klima geprägt war, das im 14. Jahrhundert endete und von einer lang andauernden Abkühlung („Kleine Eiszeit“) abgelöst wurde. Ein deutliches Indiz für das hochmittelalterliche Warmklima ist auch der Ortsname Emberg, der sich vom Andorn (Marrubium vulgare), einer aus dem Mittelmeerraum stammenden, früher auch bei uns kultivierten Heilpflanze herleitet.

Ackerbauern und Schwaighöfe
Schon vor 750 Jahren gab es in der Landwirtschaft eine ausgeprägte betriebliche Spezialisierung. Bei den bäuerlichen Anwesen im Talbereich war der Ackerbau vorherrschend; die höher gelegenen Anwesen (z. B. am Goppelsberg) waren so genannte Schwaighöfe und betrieben fast ausschließlich Viehzucht. Sie werden im lateinischen Originaltext des Urbars „oviliones“ genannt, hielten also vor allem Schafe. Die Rinderhaltung erlangte im Berggebiet erst im Spätmittelalter allmählich größere Bedeutung.
Die Schwaighofbauern erhielten von ihrem Grundherrn eine Erstausstattung an Schafen und mussten ihm dafür jährliche Abgaben entrichten. Auf einer Schafschwaige wurden üblicherweise 30 Milchschafe gehalten. Der jährliche Zins an die Grundherrschaft umfasste 300 Käse, 2 „Küchenschafe“, 2 Schultern und 10 Pfennige für die früher in natura abgelieferte Wolle. Im Jahr 1267 erhielt die Herrschaft Greifenburg von ihren Schwaighöfen jährlich insgesamt 7800 Zinskäse. Auch wenn diese nur faustgroße kleine Laibchen waren, stellt sich doch die Frage, was damit geschah.